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Kinder sollten Schokolade essen, nicht die Kakaobohnen ernten.
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Kinder-Schokolade kommt von Kinder-Arbeit

1,8 Millionen Kinder arbeiten auf Westafrikas Kakao-Plantagen. Trotz Berichten von der ARD & Greenpeace änderte sich – in den letzten 10 Jahren – wenig. Warum?
28.02.2015
Quellen:
ILO
BBC-Doku

Die Probleme der Kinder-Arbeit, der Sklaverei und extremer Armut in der Kakaoindustrie sind seit mehr als 10 Jahren bekannt: Der ARD, die britische Rundfunkanstalt BBC, Greenpeace und die US-Regierung haben u.a. darüber berichtet.

Studie belegt: Mehr als 414.000 verletzte Kinder pro Jahr allein in der Elfenbeinküste

Kinder-Arbeit und -Sklaven sind in der afrikanischen Kakaoproduktion tief verwurzelt: Westafrika produziert 70 % des weltweiten Kakaos Mehr: Daten der internationalen Kakaoorganisation (ICO) und beschäftigt mehr als 1,8 Millionen Kinder-Arbeiter.Die Umfrage der Tulane Universität (USA) von 2008/9 ergab, dass 819.921 Kinder in der Elfenbeinküste und 997.357 Kinder in Ghana in den 12 Monaten vor der Umfrage in der Kakaobranche arbeiteten. 56 % des weltweiten Kakaos stammen aus der Elfenbeinküste und Ghana. Die Elfenbeinküste ist der größte Kakaoproduzent, gefolgt von Indonesien (Platz 2) und Ghana (Platz 3). Der Rest des Kakaos wird in Indonesien und Südamerika produziert. Kinder-Arbeit und -Sklaverei sind dort kaum verbreitet.

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Die Elfenbeinküste und Ghana produzieren gemeinsam 56 % des weltweiten Kakaos.

An der Elfenbeinküste erlitten innerhalb eines Jahres gut 50 % der Kinder, die auf den Kakaoplantagen arbeiten, Verletzungen aufgrund gefährlicher Aktivitäten: Das entspricht mehr als 414.000 Kindern im Alter von 5 bis 17 Jahren. Mit großen Macheten öffnen sie die Kakaofrüchte, manche klettern mit Kettensägen auf die Bäume. Neben Verletzungen Mehr: Studie zu Verletzungen & Krankheiten von Kinder-Arbeitern in Ghana (englisch) durch Werkzeuge, leiden die Kinder an Krankheiten durch den Einsatz von Pestiziden und fehlende Schutzkleidung.

„Wenn Menschen Schokolade essen, essen sie mein Fleisch.“ Das Zitat Mehr: Zitat aus dem Buch „Bitter Chocolate“ (englisch)von einem ehemaligen Kindersklaven aus der Kakaoindustrie verdeutlicht die verheerende Situation.

Den Geschmack von Schokolade kennen die Kinder nicht. Oft erhalten sie keine regelmäßige Bezahlung, sondern lediglich Essen, einen Schlafplatz und ein „Trinkgeld“. Werden sie bei einem Fluchtversuch erwischt, folgen oft schwere Prügel – teilweise auch, wenn sie zu langsam arbeiten.

Brutalste Form der Kinder-Arbeit existiert noch: Schokoladenhersteller halten Versprechen wieder nicht

Bereits vor 14 Jahren zeigte der britische BBC Mehr: Die Dokumentation „Slavery: A Global Investigation” (78 min, englisch)eine Dokumentation über moderne Sklaverei und Kindersklaven in Westafrika. Die in der Sendung gezeigten Zustände sorgten international für Aufsehen: Allein in Großbritannien brach die Schokoladenindustrie im Jahr nach der Ausstrahlung um 2 % ein – der einzige Rückgang zwischen 1996 und 2002.

Im September 2001 unterzeichneten Vertreter der US-Regierung, gemeinsam mit 8 führenden Schokoladenherstellern,D.h. M&M/Mars, Archer Daniels Midland, World’s Finest Chocolate, Guittard Chocolate, Nestlé USA, Hershey, Barry Callebaut und Blommer Chocolate. der Regierung der Elfenbeinküste und Nichtregierungsorganisationen (z.B. Save the Children und Free the Slaves) das Harkin-Engel-Protokoll: Damit verpflichtete sich die internationale Kakao- und Schokoladenindustrie, das Problem der Kinder-Arbeit und -Sklaven zu lösen. Bis 2005 sollte die „schlimmste Form von Kinder-Arbeit“Dieser Begriff stammt aus dem internationalen Abkommen der internationalen Organisation für Arbeit (IOL). Er wurde im Harkin-Engel-Protokoll von 2001 aufgegriffen. Ursprünglich war das Protokoll – angestoßen von den beiden US-Politikern Eliot Engel und Tom Harkin – als Gesetzesgrundlage zur Abschaffung der schlimmsten Form von Kinder-Arbeit in der Kakaoindustrie gedacht. Dies wurde auf Grund erfolgreicher Lobbyarbeit der Schokoladenindustrie abgelehnt. Daraufhin wurde die Umsetzung der festgelegten Maßnahmen den unterzeichnenden Herstellern als freiwillige Maßnahme überlassen. Die Definition der „schlimmsten Kinder-Arbeit“ schließt Sklaverei und sexuelle Ausbeutung ein. Die „schlimmsten Gefahren“ werden jedoch von jedem Land selbst definiert. verboten sein. Dies gelang nicht und die Frist wurde erst bis 2008, dann bis 2010 verlängert – ohne Erfolg.

2010 folgten erneutmehrere Dokumentationen über Massen- und Kindersklaverei auf Kakaoplantagen. Die bekannte Dokumentation „Schmutzige Schokolade“ (43 min) vom dänischen Journalisten Miki Mistrati kannst Du in der ARD Mediathek auf Deutsch anschauen.

Bisher haben die Schokoladenhersteller wenig getan, um die Situation der Kakaobauern zu verbessern. Doch der öffentliche Druck nimmt zu und langsam beginnen sie das Problem in Angriff zu nehmen: Zahlreiche – meist kleinere – Schokoladenhersteller setzen sich bereits seit mehreren Jahren gezielt für die Verbesserung der Lebensumstände der Kakaobauern und gegen Kinder-Arbeit ein. Auch einige größere Hersteller haben sich verpflichtet, in den nächsten Jahren – meist bis 2020 – ausschließlich fair gehandelte Kakaobohnen zu verarbeiten.Dazu gehören Mars, Mondelēz (vorher Kraft), Hersheys, Nestlé und Ferrero. Alle haben unterschiedliche Zwischenziele und spezielle Programme zur Verbesserung der Situation der Kakaobauern veröffentlicht. Dazu gehört in den meisten Fällen eine Verbesserung der Lieferkette und/oder die Umstellung auf 100 % als fair gehandelt zertifizierte Kakaobohnen.

Wie kann das Leben der Kakaobauern verbessert werden?

Bestimmt hast Du das Fairtrade-Siegel (deutsch: Fairer Handel) auf Verpackungen im Supermarkt schon mal gesehen. Der Faire Handel ist eine internationale Bewegung, um die Lebensbedingungen von Kleinproduzenten, z.B. Kakao-, Tee- und Kaffeebauern, zu verbessern. Dazu gehört eine Produktion ohne Kinder-Arbeit.

Die Grundidee: Die Bauern und Kleinproduzenten erhalten einen garantierten Mindestpreis, der Lebenshaltungs- und Produktionskosten abdeckt. Zusätzlich erhalten sie eine Sozialprämie – die sogenannte Fairtrade-Prämie – die wirtschaftliche und soziale Projekte, z.B. den Bau von Schulen, fördert. Das Problem: Die scheinbar aussichtlose Armut der Kakaobauern.

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Das Fairtrade-Logo der internationalen Fairtrade Labelling Organisation (FLO) mit Sitz in Bonn

Kann der Faire Handel das Problem an der Wurzel beseitigen und die scheinbar aussichtslose Armut beenden? Warum sind die Kakaobauern so arm und die Unternehmen, die Deine Lieblingsschokolade herstellen, so reich?

„Kinder-Arbeit & Sklavenhandel Mehr: Kampagne „Aktiv gegen Kinderarbeit“ bezieht Stellungkönnen nicht von heute auf morgen abgeschafft werden“

Fast alle Akteure die sich mit dem Thema Kinder-Arbeit beschäftigen, sind sich einig: Das Phänomen Kinder-Arbeit kann nicht von heute auf morgen abgeschafft werden. Mehr: Dokumentation von CNN zur Problematik Kinder-Arbeit (englisch, 25 min)Der Grund: Die Menschen in Westafrika gehören zu den ärmsten weltweit. Die Nutzung von Kindern auf den Kakaoplantagen sichert häufig das Überleben – sowohl das der Farmer, als auch das der Kinder.

Um die scheinbar ausweglose Situation aus Preiskampf und günstigen Arbeitskräften zu durchbrechen muss das Problem der extremen Armut gelöst werden. Erst dann wird der Einsatz von Kindern als günstige Arbeitskräfte überflüssig – und Kinder-Arbeit kann „abgeschafft“ werden.

Die Frage ist also: Warum sind die Kakaobauern so arm?

Die Wurzel des Problems: Armut der Kakaobauern

Wenn Du eine Tafel Schokolade kaufst, geht der kleinste Anteil, d.h. nur durchschnittlich 6 % des Kaufpreises, Mehr: Zahlen der „Make Chocolate Fair!“ Kampagne an den Kakaobauern. Die unabhängige Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam geht sogar von nur 3 % aus. 1980 waren es noch 16 %.

Zum Vergleich: 70 % bleiben durchschnittlich bei den Schokoladenherstellern – die Schokoladenindustrie verbucht Rekordumsätze.Mehr: Zahlen der Internationalen Kakao-Organisation (ICCO) von 1999 – 2013

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Wer bekommt welchen Anteil vom Verkaufspreis einer Tafel Schokolade (100 g, 0,79 €)?

Wieso wurden die Löhne innerhalb der Lieferkette – vor allem für die Kakaobauern – nicht erhöht? Mehr: Kakaobauern kosten das 1. Mal Schokolade (niederländisch mit englischem Untertitel, 6 min) Ein Kakaobauer in Afrika ist nicht in der Lage das Endprodukt seiner Arbeit zu kaufen – häufig weiß er gar nicht, was aus Kakaobohnen hergestellt wird.

Der größte Anteil des weltweit verarbeiteten Kakaos stammt nicht von großen Plantagen, sondern wird auf kleinen Farmen angebaut. 98 % Mehr: Zahl vom Kakao-Barometer (englisch) der weltweiten Ernte stammt von Plantagen, die kleiner als 5 Hektar (ha) sind. Dies verdeutlicht die Dringlichkeit des Problems: Fast alle Bauern bewirtschaften nur eine kleine Anbaufläche. Darum sind sie umso mehr auf einen Mindestpreis für die geringe Ernte angewiesen.

Von der Kakaobohne zum Schokoriegel: Höhere Preise kommen nicht bei Kakaobauern an

Der Weg einer Kakaobohne vom Kakaobauern bis hin zu Deiner Tafel Schokolade ist lang. Meist weigern sich große Schokoladenhersteller, Verantwortung für die Probleme am Beginn der Lieferkette – also bei den Kakaobauern – zu übernehmen. Für die durchschnittliche Milka-Schokolade oder das Überraschungs-Ei kauft der Hersteller den benötigten Kakao nicht direkt beim Bauern.

Zunächst verkauft der Bauer die getrockneten Kakaobohnen an einen lokalen Händler. Dieser hat Zugang zu einem größeren Kakaomarkt. Von hier gelangt der Kakao auf den Weltmarkt. Dort erwerben Unternehmen aus den Industrienationen, also auch Deutschland, die Bohnen. Dabei handelt es sich um Zwischen-Verarbeiter: Sie mahlen die Kakaobohnen und stellen daraus Kakaopulver und -butter her.

Erst jetzt treten die Schokoladenhersteller wie Mars, Nestlé und Ferrero auf: Sie kaufen die Hauptzutaten für ihre Produkte von den Zwischen-Verarbeitern. Der fertige Schokoriegel gelangt ins Supermarktregal und schließlich in Deinen Bauch.

Es sind die Bauern am Beginn der Lieferkette, die arm bleiben – diese Armut macht günstige Arbeitskräfte und damit Kinder so attraktiv für die Bauern, die selbst ums Überleben kämpfen.

Die Lieferkette von Kakao: Über Umwege gelangen die Kakaobohnen vom Kleinbauern in die Schokolade vom Konsumenten.

Teurere Schokolade = mehr Geld für Kakaobauern?

„Ich würde Mehr: Artikel in Confectionary News (englisch)dem naiven Gedanken, Preiserhöhungen einfach an Kakaobauern weiterzuleiten, widersprechen. Leider ist es komplizierter als das.“  So rechtfertigt sich Andy Harner, Vize-Präsident von einem der weltgrößten Schokoladen- und Lebensmittelherstellers: Mars.Mars Inc. ist nicht nur für den Schokoriegel „Mars“ verantwortlich, sondern ein amerikanischer Lebensmittelhersteller, mit den Schwerpunkten Süßwaren und Tierfutter. Zu den bekanntesten Produkten gehören M&Ms, Snickers, Uncle Ben’s Reis und Whiskas Katzenfutter. Statt der einfachen Weitergabe von Handelspreisen an die Kakaobauern schlägt Mars vor, die Bauern sollten von den Zwischenhändlern höhere Preise verlangen. Dies ist für Mars offensichtlich der einfachere Weg: Das Unternehmen weist die Verantwortung von den Herstellern und damit seinem Unternehmen ab – stattdessen gibt er sie an die Zwischenhändler und Lieferanten weiter.Ein derartiges Verhalten ist bereits aus anderen Branchen bekannt, z.B. dem Bergbau, der Öl-, Textil-, Palmöl- und Holzindustrie. Ein bekanntes Beispiel aus der Textilindustrie ist das Unglück von Rana Plaza: Bei der Explosion in einer Textilfabrik im April 2013 starben mehr als 1.000 Menschen. Die dort produzierenden Hersteller wiesen die Verantwortung für den Einsturz von sich. Ein Beispiel aus der Ölbranche: Shell hat die Verantwortung für die anhaltende Ölpest in Nigeria an die dortige Regierung abgegeben. Das Unternehmen weigerte sich, besonders stark betroffene Gemeinden zu unterstützen und die Finanzierung auszugleichen.

64 % des fair gehandelten Kakaos bleiben unverkauft & Preiserhöhungen landen bei Zwischenhändlern

Hat Mars Recht? Die Antwort: Jein – mit einer Betonung auf dem „(N)ein“…

  • Ja, weil eine Preiserhöhung für den Schokoladenkäufer aufgrund der langen Lieferkette tatsächlich nicht direkt beim Bauern ankommt: Die großen Firmen kaufen ihren Kakao auf dem Weltmarkt, nicht direkt beim Bauern. Darum ist es fast unmöglich zu überprüfen, ob höhere Verkaufspreise bei den Bauern ankommen.
  • Nein, weil Kakaobauern in Westafrika bereits jetzt höhere Preise für ihre Ernte erhalten könnten: Aktuell erhalten sie viel geringere Preise für ihre Bohnen, als die auf dem Weltmarkt gezahlten Beträge – das liegt an den Zwischenhändlern, die zwischen Bauern und Weltmarkt stehen.
  • Nein, weil seit Jahren genug fair gehandelter – d.h. zertifizierter – Kakao auf dem Weltmarkt verfügbar ist. 2012 – 2013 konnten in Westafrika nur 36 % Mehr: Zahlen vom Kakao-Bericht 2014von diesem zertifizierten Kakao auf dem Weltmarkt verkauft werden. Dies zwang die Kakaobauern dazu, einen geringeren Marktpreis zu verlangen. Für die Fairtrade zertifizierten Bauern fiel außerdem die Fairtrade-Prämie weg: Darunter litten Entwicklungsprojekte, wie der Bau von Schulen und Krankenhäusern.

1. Schritt für Schokoladenhersteller: Überschüssigen, fair gehandelten Kakao kaufen

Schokoladenhersteller könnten ganz einfach einen 1. Schritt machen um die Lebenssituation der Kakaobauern zu verbessern und damit Kinder-Arbeit einzudämmen: Sie müssten nur den bereits vorhandenen, fair gehandelten Kakao am Weltmarkt kaufen. Dadurch würden jedoch die Produktionskosten für die Schokolade steigen – und die Gewinne der Schokoladenhersteller sinken.Angenommen, dass Verkaufszahlen und -preise gleich bleiben.

Du willst Schokolade ohne Kinder-Arbeit kaufen?

Dann solltest Du nur Schokoladen von sogenannten Fair-Handelsimporteuren kaufen. Das sind Unternehmen, die ausschließlich fair gehandelte Produkte verkaufen. Die 3 größten in Deutschland sind gepa, ElPuente und dwp. Ihre Produkte findest Du in einigen Supermärkten, den meisten Bioläden und in Weltläden.

Unseren Artikel „Nur 1 % Fairtrade-Schokolade in Deutschland“ zum Fairen Handel, den Problemen mit Zertifizierungen und einem Vergleich von Siegeln findest Du hier.

 

Kinder-Schokolade kommt von Kinder-Arbeit geschrieben von kristina average rating 4.5/5 - 2 Besucherbewertungen

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