Weltweites Bienensterben nimmt zu
biene-sonnenuntergang

Gestörte Chemie
zwischen Biene & Mensch

07.10.2015
Quellen:
Lizzynet
Deutsche Bundesstiftung Umwelt
1 Million tote Bienen lagen 2014 nahe dem Bayer-Werk (Leverkusen)
– aufgrund der falschen Dosierung eines Bayer-Pestizids.
2015 muss sich die EU nun für oder gegen ein Verbot entscheiden …


Kurzfassung

  • 2013 EU-Studie: Pestizide benebeln Sinne der Bienen
  • 2015: EU will über Verbot der Pestizide entscheiden
  • Bayer beharrt auf Ungefährlichkeit der Pestizide für Bienen
  • Weltweites Bienensterben: Problem für wachsende Bevölkerung

In diesem Jahr muss die EU über das Verbot eines umstrittenen Pestizids entscheiden. Die Chemiekonzerne beharren aber auf der Ungefährlichkeit ihrer Produkte.

Tausende von Bienen lagen im vergangenen Jahren tot auf den Bürgersteigen von Leverkusen (Artikel Rheinische Post). Der Vorfall ist fast vergessen, doch das weltweite Bienensterben bleibt aktuell.

Die Schülerin Carolin Hof stolperte auf ihrem Schulweg über die toten Bienen und wurde dadurch auf ihre Bedrohung aufmerksam. Mit einem Exposé zum Thema gewann Carolin Hof beim Green Stories Umweltjournalismus-Wettbewerb von Lizzynet.de ein Mentoring mit der Journalistin Katrin Lechler. Das Ergebnis der Zusammenarbeit kannst Du hier lesen:

Millionen tote Bienen vor Bayer-Werk:
Wird die EU 2015 das Pestizid verbieten?

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Durch die Berührung mit einem Pestizid ist ihr Orientierungssinn betäubt.

Da vorne locken leuchtendes Gelb und betörende Düfte. Sachte Landung auf einer Blüte: Süßer Saft zerfließt im Mund, Pollen kleben an den Beinen. Doch plötzlich beginnt der Boden zu wackeln, ein Riese auf vier Rädern naht. Etwas Feuchtes legt sich um die Flügel – alles klebt. Wo ist der Stock, was ist das hier?

Diese Biene wird ihren Stock vermutlich nicht wiederfinden.

Durch die Berührung mit einem Pestizid ist ihr Orientierungssinn betäubt.

Doch ohne ihren Bienenstaat ist sie dem Tode geweiht. Auch die Bienen von Biobauer Michael Grolm aus Tonndorf bei Weimar fallen den Spritzmitteln der Nachbarn regelmäßig zum Opfer. „Bienen halten sich eben nicht an Grenzen“.

Für 1 Kilo Honig
fliegen Bienen bis zu 3 Mal um die Welt

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Eine benebelte Biene findet ihren Bienenstock oft nicht wieder.

Wer Honig produzieren will, braucht genügend Tracht. So nennt man die Blüten, zu denen die Honigbienen fliegen, um Nektar und Pollen zu sammeln. Ohne ihre Bestäubungsleistung wären unsere Obst- und Gemüseregale um ein Drittel leerer. Deshalb wird die Arbeit der Bienen auf einen Wert von 14,6 Billionen Euro geschätzt. Doch schweben die Honigbienen weltweit in großer Gefahr. Laut Untersuchungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) sind ihre Bestände in Europa und Amerika in den letzten Jahren um rund 30 % geschrumpft. In Asien sind es geschätzte 85 %.

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Ohne Bienen hätten wir ca. 1/3 weniger Obst und Gemüse.

Nichts als Weizen, Gerste, Mais und Raps:
Monokulturen durch Pestizide

Dieses Phänomen hat auch Michael Grolm beobachtet, vor allem, nachdem der Nachbarbauer chemische Pestizide gespritzt hat. Besorgt blickt er zum angrenzenden Feld. Der Nachbar baut nach konventionellen Methoden Raps an. Früher ist Michael Grolm als Aktivist für seine Feldbefreiungen 2007 sogar ins Gefängnis gegangen, als er genmanipulierte Pflanzen aus dem Boden riss.

Kornblume und Klatschmohn wachsen auf dem „klinisch, toten Acker“ schon lange nicht mehr. „Ein Kornblumenfeld hingegen ist ein El Dorado für Tiere, ein Feld voller Leben“, schwärmt der Imker. Unter der Intensivierung der Landwirtschaft leiden nicht nur die Honigbienen, sondern vor allem wild lebende Insekten wie die Wildbienen und Marienkäfer. Die Entwicklung von starken Pestiziden in den 1950ern ermöglichte den Anbau von Monokulturen: nichts als Weizen, Gerste, Mais und Raps. Nur während der Rapsblüte ist der Speisetisch der Bienen reich gedeckt. Danach knurren ihnen die Mägen, denn viel geben die „leergeräumten Landschaften“, wie sie Michael Grolm nennt, nicht mehr her. Hinzu kommen die bald 10 Milliarden Menschenbäuche, die ohne die Bienen nur schwer gefüllt werden können.

Benebelte Bienen
beschäftigen EU-Kommission

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Rapsfelder – ein Paradies für Bienen.

Der weltweite Bienenverlust machte auch die EU-Kommission hellhörig: Sie beauftragte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (efsa) mit einer Studie zu den drei verdächtigen Pestiziden, den Neonicotinoiden. Ihre Ergebnisse bestätigten die Beobachtungen der Imker. Die Stoffe benebeln die Biene und stören dadurch ihren Orientierungssinn und ihr Verhalten. Seit 2013 ist der Einsatz dieser Insektizide stark eingeschränkt. Ein Lichtblick, doch wird das Verbot dem Bienensterben kein Ende setzen können, warnen Umweltschützer. Im Dezember 2015 wird die Kommission einen endgültigen Entschluss über ein Verbot fassen.

Bienenhotels und Hobbyimker
– bei Bayer

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Wer ist für das Bienensterben verantwortlich?

Das Bayer Crop Science Gelände in Monheim am Rhein: Felder neben Feldern in braun, grau und grün. Wolken hängen wie Rauchschwaden aus Fabrikschornsteinen über den Bauten. Ohne Besucherausweis endet der Weg vor der Autoschranke des Pförtnerhauses. Hat man es geschafft die Absperrung zu passieren, steht man vor der Bayer Crop Science Zentrale. Von hier aus ist die gelbe Bienenstatue rechts kaum zu übersehen. Auch ein hölzernes Bienenhotel, dessen Nischen und Löcher Raum für Wildbienen bieten, ragt neben dem Eingang zum Bee Care Center empor.

Hier arbeitet Peter Trodtfeld als Experte für Bienengesundheit. Privat ist er Hobby-Imker. Kariertes Hemd, Strickpulli, graues Haar. „Ich bin einer der Dinosaurier bei Bayer“, erklärt er schmunzelnd. Angefangen hat seine Karriere 1979 im Insektizid- und Pestmanagementbereich, nur einen Fußweg entfernt. Seit letztem Jahr sitzt er in dem neuen blumigen Büro mit Bienen an den Wänden. „Das Bee Care Center gibt es erst seit 2012, aber um die Sicherheit der Bienen kümmern wir uns schon seit über 25 Jahren“, erklärt der Bayermitarbeiter selbstbewusst, „das weiß meistens keiner“, fügt er dann noch hinzu.

bienenstock

Für Konzerne wie Bayer ist die Varroamilbe Schuld am Bienensterben.

Eine Schuldige
ist gefunden

Im Konferenzraum der Abteilung stellt er den Liebling der Bee Care Forscher vor: die Varroamilbe. Eine riesenhafte Nachbildung des aus Asien importierten Schädlings jagt dem Besucher einen Schauer über den Rücken. Bräunlich-roter Panzer, winzige Beinchen und glänzend dicke Haare. Ihr Beitrag zum Sterben der Bienen ist nicht zu unterschätzen – sie beißt, saugt und knabbert an den Bienen, und macht sie damit anfälliger für Krankheiten. Doch ist die Varroa destructor nicht allein für den weltweiten Rückgang der Bienenvölker verantwortlich. Zumal sie die ebenso gefährdeten Wildbienen und Nützlinge gar nicht angreift. Wie eine Schutzherrin von Bayer Crop Science sitzt die Varroa auf ihrem Podest. Unter ihrem breiten Panzer ist genug Platz, um die hauseigenen Pestizide zu verstecken, die Imkern wie Michael Grolm regelmäßig die Stirn in Falten legen lassen.

Geld und Arbeitsplätze
stehen auf dem Spiel

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Die EU-Kommission wird jetzt entscheiden.

Was als Gift für die Natur angeprangert wird, ist Gold für den Chemiekonzern: Bis zu 900 Millionen Euro werden allein durch die Neonicotinoide erwirtschaftet. Nicht verwunderlich also, dass sich das Unternehmen gegen ein mögliches Verbot durch die EU-Kommission wehrt. Es stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Peter Trodtfeld ist überzeugt von der Unschädlichkeit der Produkte seines Arbeitgebers: „Neonicotinoide sind nicht schädlich, denn wir haben Studien, die ihre Sicherheit beweisen.“ Der Vorfall mit 1 Million toten Bienen in Leverkusen sei ein Unfall gewesen, ein Fehler der Landwirte. Die Menge mache das Gift.

Vor der EU-Kommission werden die Bayer-Studien neben einem zweiten Stapel Studien liegen, die die Gefährlichkeit der Stoffe beweisen.

Transparenz: Eine längere Version dieser News wurde auch von anderen Medien veröffentlicht, z.B. bei jetzt.de von der Süddeutschen Zeitung.

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